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Müll im Garten Eden - Chronologie der Ereignisse
     

Chronologie der Ereignisse

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Mitte der 1990er Jahre ~ Um dem Müllaufkommen in der Region rund um das Schwarze Meer Herr zu werden, planen die Provinzen Trabzon und Rize den Bau einer Müllentsorgungsanlage. Zwischen Oktober 1995 und April 1997 wird in Zusammenarbeit mit der Weltbank und des damaligen Umwelt- und Waldministeriums untersucht, in welcher Form eine solche Anlage möglich ist. Im Januar 1997 wird die stillgelegte Kupfermine in Çamburnu als geeignete Lagerfläche bestimmt. Im Oktober 1997 wird mit ministerialer Genehmigung dafür die Lokaldirektion der Bau- und Betriebsgemeinschaft der Müllanlagen von Trabzon und Rize gegründet (TRAB-RI-KAB), die neben Trabzon und Rize dreißig weitere Gemeinden umfasst.

Als Folge der intensiven Bemühungen der Bezirksregierung und des Gemeindepräsidiums von Trabzon wird die Kupfermine an den östlichen Gemeindebund der Schwarzmeerregion übertragen. Anfang 1998 kommt es deswegen zu ersten Protesten der Bevölkerung von Çamburnu und der Gemeinden Yeniay und Yazlık Köy. Laut Gesetz gibt es ein Vorkaufsrecht für Personen, denen die Minenflächen ursprünglich enteignet wurden. Der damalige Bürgermeister Mehmet Çinar lehnt das Angebot der KBI A.Ş. ab, den Minengraben an die Gemeinde Çamburnu für eine symbolische Summe zu verkaufen und unterstützt stattdessen den Gemeindebund der Schwarzmeerregion beim geplanten Bau der Mülldeponie.

Es werden die Auswirkungen des Projekts auf die Umwelt untersucht, was von der Bevölkerung nicht befürwortet wird. Es gelingt nicht, die Einsicht der Dorfbewohner zu gewinnen.

1998 ~ Im Mai wird die Untersuchung aufgrund einer Entscheidung der Bezirksumweltkommission für unwichtig erklärt. Zu diesem Zeitpunkt spricht bereits einiges dafür, dass die Kupfermine für eine Mülldeponie ungeeignet ist. Das Gemeindepräsidium von Çamburnu leitet einen Prozess zur Aufhebung dieses Beschlusses ein, der sich einige Jahre hinzieht und schließlich zu Ungunsten der Dorfbevölkerung ausfällt. Die Bohrungs- und Bauarbeiten werden aufgenommen, die aufgebrachten Bewohner organisieren einen Protestmarsch und stören die Arbeiten, die schließlich unter Polizeischutz weitergeführt werden.

1998/1999 ~ Als der künftige Ministerpräsident Tayyip Erdoğan auf der Durchreise auch in Çamburnu vorbeikommt, versperrt ihm die lokale Bevölkerung den Weg, um ihre Bedenken in Bezug auf die Mülldeponie zur Sprache zu bringen. Sowohl die Bezirksregierung als auch der Staatssekretär des Umwelt- und Waldministeriums organisieren in Çamburnu in Begleitung von Polizisten eine Versammlung, in der die Bevölkerung aufgeklärt werden soll. Die Veranstaltung verläuft unter großen Schwierigkeiten, da die Bevölkerung nach wie vor sehr aufgebracht ist.

2006 ~ Im Mai wird der Antrag der TRAB-RI-KAB für eine Baugenehmigung der Mülldeponie vom Gemeindepräsidium von Çamburnu abgelehnt. Die Regierung klagt gegen den Bürgermeister Hüseyin Alioğlu wegen Verhinderung von Staatsinteressen und per Gerichtsentscheid muss die Baugenehmigung schließlich doch erteilt werden. So werden am 6. Dezember die Bauarbeiten an der Deponie fortgesetzt. Die vorgeschriebenen Mindeststandards für die Isolation werden dabei nicht eingehalten.

2007 ~ Als Fatih Akin im April bei einem Interviewtermin in Ankara dem Umweltminister Osman Pepe Fragen nach der Mülldeponie stellt, verweigert dieser die Auskunft und fordert Fatih Akin und sein Kamerateam auf, das Büro zu verlassen.

Entgegen der Aussagen der Verantwortlichen, der Müll werde ordentlich verpackt transportiert, ist die Müllentsorgung von Beginn an chaotisch. Fünf Tage nach der ersten Mülllieferung gelangt im Juli dreckiges Müllwasser durch Risse in der Isolation in den Kanal und den Fluss, die beide durch das Dorf bis zum Meer fließen. Trotz offensiver Mängel bleibt die Deponie in Betrieb. Fatih Akin lädt die Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth, nach Çamburnu ein. Der Fall stößt auf größeres Medieninteresse. Drei Monate nachdem der erste Müll ausgekippt wurde und das Müllwasser dabei ungehindert in das Grundwasser gelangen konnte, beginnen die Arbeiten zur Überprüfung der mangelnden Isolation. Im November 2007 wird versucht, die Isolationsschicht mit Flickarbeiten zu reparieren.

Januar 2008 ~ Durch die fehlerhafte Entsorgungstechnik kommt es zur Geruchsbildung, die selbst im ein Kilometer entfernten Wohngebiet wahrzunehmen ist. Viele Bewohner öffnen ihre Fenster nicht mehr, weil der Gestank unerträglich ist. Aufgrund der Beschwerden wird der Müll mit einer Schicht Erde bedeckt, doch durch den Druck innerhalb der Deponie gelangt das Abwasser wieder nach oben, der Gestank hält an. Umweltwissenschaftler erklären auf dem Sender TRT, dass „dieser Umstand nicht akzeptabel ist und es das natürliche Recht der Bevölkerung ist, per Gericht eine endgültige Lösung des Problems einfordern zu wollen“.

Januar 2010 ~ Die Fakultät für Meeresforschung der Technischen Universität in Trabzon betreibt eine Fischzuchtanlage, die sich aus dem Wasser, das durch den Wald von Çamburnu fließt, speist. Durch die Vermischung des dreckigen Abwassers mit dem Grundwasser werden in den Becken des Forschungsinstituts 250 Fischarten vergiftet. Offizielle Labors beweisen anhand von Wasserproben in den Zuchtanlagen und den fließenden Gewässern, dass das Wasser stark kontaminiert ist. Dr. Nadir Başçınar von der Fakultät für Meeresforschung der Technischen Universität in Trabzon erstattet Anzeige.

18. Juli 2010 ~ Während das Müllwasser nach wie vor durch die Isolation sickert, führen starke Regenfälle dazu, dass das Wasser über den Rand der Deponie hinaustritt, in den Boden versickert und die Abhänge zum Dorf hinunter abfließt. Auch der dadurch entstehende Gestank ist unerträglich. Die Dorfbevölkerung nimmt einen Protestmarsch zur Mülldeponie vor, wo sie auf Umweltbeauftragte der Bezirksregierung trifft. Der türkische Fernsehsender NTV berichtet davon.

Als in den Sommermonaten die Anwohner der Region zum Schwimmen ins Meer gehen, müssen anschließend insbesondere Kinder aufgrund von Durchfall, hohem Fieber und anderen Beschwerden medizinisch in Krankenhäusern behandelt werden.

Die zuständige Gesundheitsbehörde nimmt jedoch keine Untersuchung der Ursachen dieser Beschwerden in einem möglichen Zusammenhang mit dem Müllwasser vor. Auch die langfristigen Auswirkungen des im Müllwasser befindlichen Schwermetalls sowie hochgiftiger Chemikalien werden nicht untersucht.

2. August 2011 ~ Nachdem keine effektive Lösung gefunden wurde, organisiert die Bevölkerung erneut einen Protestmarsch.

25. August 2011 ~ Die Region rund um Çamburnu ist erneut großen Regenfällen ausgesetzt. Der Bach läuft über Nacht über seine Ufer. Am nächsten Tag tritt das Müllwasser zum zweiten Mal über die Isolation hinaus, vermischt sich mit dem Regenwasser und fließt erneut bis in das Zentrum von Çamburnu, in Straßen und Geschäfte. Bürgermeister Hüseyin Alioğlu und die Abgeordneten Cevdet Erdöl und Safiye Seymen kommen in Çamburnu zusammen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Bünyamin Seyrekbasan konfrontiert Prof. Dr. Cevdet Erdöl, der zu dem Zeitpunkt auch Präsident des Gesundheitsministeriums ist, mit den Vorwürfen über den Zustand der Deponie. Erdöl bittet ihn, eine Mappe mit Fotos und Dokumenten zusammenzustellen. Der Müll wird erneut mit Erde bedeckt, alle anderen Missstände bestehen fort. Bis heute besteht auch die Gefahr, dass sowohl Wild- als auch Haustiere (größere Vogelarten sowie Hunde) ungehindert auf die Mülldeponie gelangen und von dort giftige Stoffe in die Erntefelder tragen, weil es nach wie vor keine Schutzstreifen um die Mülldeponie gibt.

6. Dezember 2011 ~ Während eine Mauer gebaut wird, um das Fassungsvermögen der Deponie zu vergrößern, bricht am 6. Dezember die Mauer des Abwasserbeckens. Nachdem die Anwohner Anzeige erstatten, weisen Fachlabore eindeutig nach, dass das Müllwasser hochgiftig ist und die Felder nicht mehr für die Ernte bestellbar sind. Das zuständige Gericht erlässt den Beschluss, dass die kontaminierte Erde abgetragen wird.

Die Anzahl der Bewohner von Çamburnu hat sich in den Jahren von einst 3500 auf derzeit etwa 1200 verringert.

Die Deponie soll noch mindestens zwei weitere Jahre in Betrieb bleiben.

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